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Brief (Transkript)

Karl Linder an seine Eltern und Schwestern am 30.04.1916 (3.2009.0497)

 

30. Mai 1916.]

Liebste Eltern und Schwestern!

Es freut mich, dass Ihr meine Paketchen alle erhalten habt, also auch mein kleines Tagebuch, werdet Euch wohl besonders schwer tun mit dem Lesen. Auch habe ich heute wieder 3 neue Paketchen geschickt, zwei Tüchlein und 1 Paar Socken, wie früher mit einem Zwicker und einer silbernen Gabel. Alle beiden Sachen sind gefundene Stücke Gefallener. Der Zwicker würde mir gut sitzen, doch sind es andere Gläser, laßt also von Weiß 2 andere Gläser hineinmachen, convex Nr.2 und schickt ihn mir in 14 Tagen wieder, nicht eher. Die Gabel schenke ich Reti, kann sich mal einen passenden Löffel dazu kaufen, wenn ich es nicht mehr kann. Es geht mir gerade gut, sind glücklicherweise noch in Ruhe. Heute abend war das erste Mal Maiandacht, zu der wir Gelegenheit hatten, einige von unserem Bataillon sind mitgefahren. Danach habe ich mir mein Abendessen bereitet, da die Feldküche abends nicht kommt. Hatte mir eine Flasche Wein gekauft um 1,3 M, aber leider ziemlich herben. Den machte ich mit Spiritus warm, tat ein Stück Zucker dazu und legte ein ziemliches Stück von Eurem Kuchen aus Paket 60 ein, hatte also eine noble Weinsoße. Von Frau Drechsel erhielt ich gestern auch ein Päcklein mit Zigarren und etwas Kaffeezuspeise und soeben kam Euer Paket Nr. 61, herzlichen Dank dafür. So rasch nacheinander bin ich noch nie beschenkt worden, auch die 5 M sind nachmittags mir ausgehändigt worden und danke Euch bestens dafür. Brauchen kann ich es inzwischen gerade ganz gut. Die Gegend hier ist recht schön, auch unser Quartier ist ganz annehmbar. Wir liegen in einer Baracke auf Stroh und Holzwolle. Unsere Kompagnie ist ziemlich zusammengeschmolzen, doch sind die Verluste an Toten nicht so, wie anfangs geschätzt wurde, aber es sind eben viele verwundet, krank und auch vermisst, die alle auch nicht mehr gerechnet werden können. Dafür werden wir nun genügend Ersatz bekommen und dann wohl wieder ein bisschen an die Franzosen ran müssen. Nun, es wird wohl auch das nochmal gut gehen, ich hoffe es und Ihr sollt Euch nicht darum sorgen. Leid, Leid hat das letzte Gemetzel von der vielbekannten Stelle bei Verdun, nämlich bei Douamont auch für Euch in Krumbach wieder (schweres Leid) gebracht. Es wird wohl schon bekannt sein, wenn nicht, so seid still und sagt noch nichts.
Am 28. habe ich Kling Karl getroffen und bald darauf auch Kling Konrad, sie sind gut durchgekommen. Karl hat mir aber gesagt, dass Drappeldrey Georg und Scheppach Xaver gefallen sind. Scheppach hat mit einem anderen einen Verwundeten zurücktragen wollen, als eine schwere Granate an seinem Platz einschlug, worauf man beide nicht mehr sah. Er glaubt sicher, daß er tot sei. Inzwischen wird man es wohl bestimmt erfahren haben. Ich wäre glücklich, wenn das Gerücht nur ein Irrtum ist, oder wenn Xaver nur verwundet wäre. Wie Drappeldrey ums Leben kam, kann ich Euch nicht sagen. Seid also im Falle wenn es noch nicht bekannt ist, vollständig schweigsam. Solche Nachrichten sind recht traurig, sowohl für Euch daheim als auch für uns selbst, denn wer die beiden gekannt hat, hat sie gern gehabt, aber sie sind nun einmal tot, vielleicht nicht minder dran wie wir, die diesmal noch davongekommen sind und darum wieder und wieder im Feuer liegen müssen, das keinen Unterschied macht, sie sind erlöst von vielen Leiden und Anstrengungen. Auch viele Offiziere sind gefallen, allein an dem kleinen Platz, wo ich lag, fiel durch Granatfeuer 1 Kompagnieführer, 1 Leutnant, 1 Vizefeldwebel und mehrere Mann. Leutnant Löchle, mein Kollege wurde schwer verwundet am Bein, ist aber gut zurückgetragen worden. Das ist ein schrecklicher Augenblick, ich bin gerade noch rechtzeitig davon gekommen. Von unserer Kompagnie sind mein Zugführer verwundet, ein junger Leutnant und ein 2. Leutnant und Zugführer gefallen. Wir haben nur noch den Kompagnieführer, auch ein Leutnant. Ihr seht also, dass es sehr ernst zugegangen ist, doch haben wir ziemlich Erfolg gehabt, machten einige Hundert Gefangene und nahmen auch einige Maschinengewehre und was die Hauptsache ist, wir säuberten das Fort D…von sämtlichen Franzosen und drängten sie auch noch aus ihren früheren Linien zurück. Der große französische Gegenstoß ist gebrochen und hat ihnen weit mehr Verluste gekostet wie uns. Zurzeit ist es wieder ruhig. Wenn es nur einmal wollte, daß es an allen Fronten ruhen würde und das Morden und Zerstören ein Ende hätte. Es bleibt uns aber nur das Abwarten und das immerwährende Hoffen übrig. Es kann vielleicht sein, daß ich inzwischen bald in Urlaub komme, so ich die nächste Zeit gut durchkomme. Das wäre wohl eine große Freude, wenigstens das Kommen, aber vielleicht indem wir hoffen, hat uns Unheil schon getroffen. Nun Gott empfohlen und seid guten Mutes, ich habe ihn nämlich auch noch. Heute erhielt ich auch eine Karte von Hurler Anton von Ulm, der von Euch meine Adresse erfahren hat; ist er wohl unser früherer kleiner Nachbar, der Toni, ich denke es mir und werde ihm morgen antworten. Für heute herzlichen Gruß
und auf gesundes Wiedersehen
Euer dankbarer Karl

Hilber von der 5. Kp. ist auch gut durchgekommen u. auch mit seiner Kompagnie in unserer Baracke

 

 



Ansicht des Briefes

 

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