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Brief (Transkript)

Ernst Emmerich an seine Eltern am 12.10.1914 (3.2011.3530)

 

12.10.14

[Abschrift in Tagebuch]

Vorhin als die Feldpost kam, war nicht Zeit mehr als die Karte fertig zu stellen. Nach diesem Papier (das Schreibheft einer kleinen Jüdin) habe ich 1 ½ Stunden lang die Stadt durchstreift. Der Alte in braunem Sammetmantel mit dem hier typischen prachtvollen Vollbart und dem schwarzen Käppchen saß im Lehnstuhl und las den Talmud vor. Ein ziemlich sauberes Zimmer im krassesten Gegensatz zu dem buchstäblich unbeschreiblichen Dreck in dieser Stadt von 17000 Einwohnern. Wenn ichs nicht selbst gesehen hätte, würde ich nicht glauben, daß es einen solchen Dreck überhaupt giebt. Und nun erst die Straßen! Ich bitte einen Menschen – die große Straße von Kielzce nach Ostrowiec in einem solchen Zustande, daß die marschierende Truppe einen frisch gepflügten Sturzacker unbedingt vorzieht. So sind wir denn in 3 Tagen von Kielzce hierhermarschiert, 24, 15, 27 Klm am Tage. Die Anstrengung des letzten Tages war aber bei dem Regenwetter mindestens die von 50 Klm. Bei jedem Schritt zurückgerutscht und dann den Stiebel mit vieler Mühe aus dem Dreck gezogen. Unbeschreiblich! Bekommen ist mir bisher die Sache sehr gut.
Heute war nun Rasttag, der bei Dauerregenwetter auch wirklich zum ausruhen benutzt wurde. - Daß wir in Feindesland sind, haben wir bisher noch nicht bemerkt. Wir sind ohne Marschsicherung marschiert und in den Orten zeigt sich die Bevölkerung eher freundlich als feindlich. Nicht nur die Juden, derer es hier wie Sand am Meere giebt und die hier meist deutsch sprechen, sondern auch die Polen; sie kommen und schenken uns Äpfel und Birnen, kochen uns Tee und machen sich nützlich wo sie können. Die Russen sind meist geflohen. Es war bisher nicht anders als ein Manövermarsch. Biwakiert haben wir noch nicht. Morgen aber werden wir allmählich ran an die Linie kommen. Die 32. sollen nur einige 20 Klm von hier an der Weichsel in Schützengräben liegen. - Ran an den Feind sind wir bisher also noch nicht,
Für uns heißt das bisher ran an die Feldküchen; denn unsere selbständige Verpflegung ließ teilweise recht zu wünschen übrig. Heute haben wir uns mal wieder satt gegessen (gefressen wäre richtiger gesagt.)
Hier liegt auch Wurst, Brot und Messer auf dem Papier; daher auch etwaige Fettflecke nicht etwa von der kleinen Jüdin.
Heute kam nun der Train des XI. Armeekorps in nicht endenwollendem Zuge durch, so daß die augenblicklich in der Front herrschende Brotnot hoffentlich bald behoben sein wird. - Nun genug vom Krieg. -
Das Volk nämlich macht uns reichlich Spaß. Wenn man Abends in ein elendes, gottverlassenes Nest kommt, verdreckt und zerfallen, und kann sich mit dem Bauern, der nicht russisch und nur schlecht deutsch spricht, nur – englisch verständigen, da er ein Jahr lang drüben war; und im nächsten Nest kaufen wir bei einem Juden in der elendsten Bretterbude, der schließlich auch englisch von Bad Nauheim erzählt: „sauber; sauber!“ sagte er deutsch betont, als auffallendstes Merkmal für deutsche Städte. -
Gar mancher hat gesagt: er würde gerne deutsch werden – das würde aber ein neues Judäa mit Ringellöckchen. Die sollen lieber einen Staat für sich aufmachen, was allerdings bei der gegenseitigen Angeberei und Gehässigkeit reichlich schwerfallen wird. -
Erfreulich auch das unentwirrbare Durcheinander von Deutschen und Österreichern. Die Kolonnen marschieren durcheinander. Es ist urfidel, wenn auch die Österreicher manchmal reichlich rabiat sind, besonders beim Requirieren, aber gute Kameraden sinds doch.
Da eben noch Gelegenheit, gehts mit.
Ernst.

 

 



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